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Erinnerung und Mahnung

10.12.2017  |  Fraktion

In einem gemeinsamen Antrag haben sich die Stadtverordneten der SPD und der CDU für die Errichtung eines Denkmals für die Opfer des Völkermordes an Christen im Osmanischen Reich 1915 ausgesprochen. Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster (SPD) begründete den Antrag in der Pohlheimer Stadtverordnetenversammlung am 2.11.2017 im Namen beider Fraktionen wie folgt:

  1. Die christlichen Gemeinschaften im Vorderen Orient sind die ältesten der Welt, doch heute sind sie Minderheiten im eigenen Land. Sie wurden und werden benachteiligt oder gar gewaltsam verfolgt. In Pohlheim haben seit den 1960er Jahren viele Angehörige der christlichen Suryoye (Aramäer / Assyrer / Chaldäer) Zuflucht und eine neue Heimat gefunden. Ihre Vorfahren erlitten zusammen mit christlichen Armeniern und Pontos-Griechen im osmanischen Reich während des ersten Weltkrieges schlimmste Verfolgungen und Massaker, vor allem in den Jahren 1915/16. Dabei sollen nach unabhängigen Schätzungen weit über eine Million Menschen umgebracht worden sein: Dies ist nicht der erste, aber ein besonders grausamer Höhepunkt in der Geschichte der Völkermorde.
  2. Der Deutsche Bundestag hat mit breiter Mehrheit am 2. Juni 2016 zu diesem Völkermord Stellung bezogen. Mit seiner Resolution verneigt sich der Deutsche Bundestag vor den Opfern der Vertreibungen und Massaker an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten des Osmanischen Reiches. Er beklagt die Taten der damaligen jungtürkischen Regierung. Zugleich bedauert der Bundestag die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches, das als militärischer Hauptverbündeter des Osmanischen Reich trotz eindeutiger Informationen nicht versucht habe, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu stoppen. Der Bundestag verstand seine Resolution als Beitrag, die Türken und die verfolgten christlichen Gruppen im Vorderen Orient dabei zu unterstützen, über die Gräben der Vergangenheit hinweg nach Wegen der Versöhnung und Verständigung zu suchen. Zugleich begreift der Deutsche Bundestag das Gedenken an die Opfer der Massaker und Vertreibungen als einen Beitrag zur Integration und zum friedlichen Miteinander.
  3. Ein „DENKMAL FÜR DIE OPFER DES VÖLKERMORDS AN CHRISTEN IM OSMANISCHEN REICH 1915 – ERINNERUNG UND MAHNUNG“ setzt sich für diese Ziele ein. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Aramäer, Armenier, Assyrer und Chaldäer, die auch in Pohlheim eine große Glaubensgemeinde bilden, die Erinnerung an ihre Geschichte bewahren. Sie tun dies in der Bereitschaft zur Versöhnung. Versöhnung setzt aber einerseits Erinnerung an die Pogrome –bekannt unter dem Namen „Sayfo“ – voraus, zugleich das Eingeständnis von Täterschuld, das nicht eingefordert, aber an dessen Notwendigkeit erinnert werden kann.
  4. Deutschland hat sich zu seiner Mitverantwortung bekannt. Hundert Jahre nach dem Genozid will das Denkmal auch in den aktuellen ethnischen, religiösen und Nachbarschafts- Konflikten zu Toleranz, Versöhnung und zu einem friedlichen Miteinander der Völker und Religionen mahnen.
  5. Die Unterstützung der Errichtung des Denkmals durch die Stadt Pohlheim ist ein starkes Signal zur Förderung der Integration unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger in unsere städtische Gemeinschaft.

Gestatten Sie mir noch drei Ergänzungen:

  1. Ein Genozid ist immer der konkrete Ausfluss von Machtmissbrauch. Eine herrschende Mehrheit fühlt sich – oder gibt vor – durch das Anderssein einer Minderheit so stark in ihrer Existenz bedroht, dass sie deren physische Vernichtung für legitim hält. Gewalt wird in dem Sinne ausgeübt, dass die reine Zugehörigkeit zu einer Ethnie, einer Religion, einer Volksgruppe etc. ausreicht, um dieser Gruppe, zugleich jedem Einzelnen das Recht auf Freiheit und Leben abzusprechen, ja dieses völkermordende Handeln gar als Staatsraison auszugeben. Es handelt sich also nicht um Gewalt schlechthin, sondern um die ganz konkrete physische Vernichtung von Volksgruppen durch konkrete staatliche oder parastaatliche Träger von Macht – auch wenn dies im 20. Jahrhundert unter jeweils anderen Vorzeichen mehrfach vorgekommen ist: in diesem Falle vor allem gegen orthodoxe Christen durch das Osmanische Reich, im Falle der Schoa gegen Menschen jüdischen Glaubens durch das Deutsche Reiche, im Falle von Srebrenica gegen Muslime durch serbisches Militärs, die sich dem orthodoxen Glauben zurechnen. Aber auch wenn es gerade im 20. Jahrhundert mehrfach zu Genoziden gekommen ist und auch heute im 21. Jahrhundert wieder Menschen unter Völkermord leiden, relativiert kein Genozid die Schuld eines anderen. Jeder dieser Völkermorde stellt ein einzigartiges Verbrechen an der Menschheit dar. Das geplante Denkmal hat deshalb zwei Ziele, einmal die Erinnerung an diesen konkreten Genozid, zum anderen ist es Mahnung, ethnische, religiöse und nachbarschaftliche Konflikte zwischen Staaten friedlich zu lösen.
  2. Deutschland hat eine schwere Schuld auf sich geladen, indem es einen der fürchterlichsten Genozide begangen hat. Dieses Eingeständnis von moralischer Verantwortung setzt sich aber ab von der Vorstellung von einer Kollektivschuld aller Deutschen: Als Deutscher stehe ich unter dieser Schuld, nicht aber als Individuum. Ein Denkmal zur Erinnerung an den Genozid von 1915/16 an den Suryoye, bei uns in Pohlheim stärker unter dem Namen Aramäer bekannt, ist nicht gegen die türkischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner in Pohlheim gerichtet, es ermahnt diese aber, sich auch der Geschichte ihres Landes in der Phase des Osmanischen Reich zu erinnern. Das Denkmal steht allerdings dafür, dass dieser Völkermord an den orthodoxen Christinnen und Christen im Vorderen Orient nicht länger geleugnet wird. Sollten hier – wie auf die Erklärung des Bundestages – seitens türkischer Stellen Angriffe gegen die Stadt Pohlheim erfolgen, gehe ich davon aus, dass alle hier in der StaVo vertretenen Fraktionen, egal ob sie dem Antrag zustimmen oder nicht, zusammenstehen und das Grundgesetz mit dem in Artikel 28 verbrieften Recht auf kommunale Selbstverwaltung als oberste Normsetzung unseres politischen Handelns verteidigen.
  3. Erlittenes Unrecht sucht nach einem Ort des Erinnerns und des sich damit Auseinandersetzens. Ich bin zutiefst beeindruckt, dass und wie in den Konzentrations- und Vernichtungslagern aus der NS – Zeit jeweils besondere ethnische, religiöse und andere Gruppen auf das besondere Leiden Angehöriger ihrer Volksgruppe, Religion etc. hinweisen. Im August dieses Jahres fanden meine Familie und ich im Wald bei Riga die Gedenkstätte Bikernieki für ca. 40.000 Ermordete – Juden, Kriegsgefangene und Widerstandskämpfer -, die hier in ca. 55 Massengräbern verscharrt wurden. In dem Arrangement aus einem Gedenkstein aus Granit mit einem Zitat aus dem Buch Hiob und 5000 unbehauenen Grabstelen, liegen Platten im Boden mit den Namen der Städte, aus denen die Opfer dieses Genozids kamen. Viele Städtenamen sind zu lesen – und plötzlich sehen wir einen Stein, in den der Name Marburg eingemeißelt ist. Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Marburg waren nach Riga geschafft worden, wurden in KZs gequält und dann dort im Wald erschossen. Über 1000 Kilometer von ihrer Heimat erinnert heute ein Stein an diese leider namenlosen Opfer aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Es ist unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus Syrien, Armenien, der Türkei leider nicht möglich, am Ort des Genozids an ihren Vorfahren ein derartiges Denkmal zu errichten. Wenn aber die lettische Regierung, die Verwaltung der Landeshauptstadt Riga die Errichtung eines derartigen Denkmals, das u.a. an die Ermordung von Bürgerinnen und Bürgern unserer Nachbarstadt bzw. unseres Nachbarkreises Marburg erinnert, durch Bereitstellung des notwendigen Geländes ermöglichten, ist es dann nicht auch an uns, den Nachfahren des Genozids an den christlich-orthodoxen Minderheit im Vorderen Orient die Möglichkeit zu geben, einen Ort des Erinnerns, aber auch der Mahnung zu schaffen?

Stehen wir dafür ein, dass alle Menschen – wie es die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 klar formuliert hat – mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf ein selbstbestimmtes Suchen nach persönlichem Glück gehören. Die Errichtung eines „DENKMALS FÜR DIE OPFER DES VÖLKERMORDS AN CHRISTEN IM OSMANISCHEN REICH 1915 – ERINNERUNG UND MAHNUNG“ ordnet sich dieser demokratischen Tradition zu.